Der Ofen,der nie ausging
Wie aus einem Funken, sechs Kacheln und einem sehr langen Winter die Ovena AG wurde.
Draussen hat es minus achtzehn Grad. Scrolle dich warm.
Erstes Kapitel
Der Winter, der blieb
Es war einmal ein Dorf am See, in dem der Winter eines Jahres vergass, wieder zu gehen. Im März lag Schnee, im Juni lag Schnee, und im August fror dem Pfarrer das Weihwasser ein.
Ein Feuer nach dem anderen ging aus. Am Holz lag es nicht. Nachts stieg der Frostkönig durch die Kamine und blies jede Glut aus wie eine Kerze. Am Morgen fanden die Leute Reif auf der Asche und seinen Atem an den Fenstern.
Bald sass das ganze Dorf in Mänteln beim Zmorge und sprach nur noch das Nötigste, damit keine Wärme verloren ging.
Zweites Kapitel
Vena und der Funke
Im letzten Haus am Hang wohnte die Hafnerin Vena. Sie baute Öfen, die niemand mehr bestellte, denn wozu ein Ofen, wenn kein Feuer hält?
In der kältesten Nacht sah sie einen Stern vom Berg fallen. Sie stieg hinauf, die ganze Nacht, und fand im Schnee einen Funken, nicht grösser als ein Reiskorn. Er schmolz ein Loch von der Grösse eines Fünflibers und summte dabei.
Vena trug ihn in der hohlen Hand ins Tal. «Ein Funke allein ist nur eine Frage der Zeit», sagte sie. «Er braucht ein Haus.»
Der Funke bist übrigens du. Fahr mit der Maus über den Schnee und schau, was mit den Flocken passiert.
Drittes Kapitel
Sechs Kacheln
Lehm für den Ofen hatte Vena genug. Für die Kacheln aber brauchte es mehr als Lehm, das wusste jede Hafnerin: In eine gute Kachel gehört etwas, das jemandem fehlen wird.
Also ging sie von Tür zu Tür. Klopf für sie an, und setz die Kacheln in den Ofen.
Noch keine Kachel gesetzt.
Viertes Kapitel
Die Nacht des Frostkönigs
Vena legte den Funken ins Ofenloch und schloss das Türchen. In derselben Nacht kam er. Man hörte ihn zuerst im Kamin, ein Pfeifen wie aus einer leeren Flasche, dann lag Reif auf den Kacheln.
Der Frostkönig blies. Vena kniete sich hin und blies zurück.
Der Ofen ist noch nicht fertig. Setz zuerst alle sechs Kacheln.
Der Frostkönig blies, bis ihm die Luft ausging. Am Morgen war er eine Pfütze vor der Tür, und Vena wischte ihn auf.
Zum ersten Mal seit einem Jahr tropfte es von den Dächern.
Fünftes Kapitel
Ein Ruf wird ein Name
Der Ofen ging nie mehr aus. Wer fror, stieg zum letzten Haus am Hang hinauf, und weil der Weg steil war und die Finger klamm, rief man schon von weitem:
Tipp den Ruf an und hör, was die Kinder daraus machten.
Die Kinder machten daraus ein Wort, die Händler einen Wegweiser und die Kartenzeichner einen Ort. Ein paar hundert Jahre lang genügte das.
Aber in der Schweiz gilt auch ein Wunder erst, wenn es eingetragen ist. Eines Tages stieg ein Notar den Hang hinauf, wärmte sich die Hände an der sechsten Kachel und fragte nach der Rechtsform.
Auszug aus dem Register
der Dinge, die nicht ausgehen dürfen
- Firma
- Ovena AG
- Zweck
- Das Feuer hüten. Alles Weitere nach Aufwand.
- Gründerin
- Vena, Hafnerin
- Sacheinlage
- ein Funke, sechs Kacheln, eine Ofenbank
- Revisionsstelle
- der Frostkönig, seit seiner Niederlage sehr genau
Eintrag gesiegelt. Und wenn sie nicht erloschen ist, dann brennt sie noch heute.
Das Märchen ist erfunden. Die Ovena AG nicht.
Wer wissen will, was aus dem Feuer geworden ist, schreibt uns. Wir antworten wärmer, als es draussen ist.
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